Dr. Werner Ballarin - Kunsthistoriker - ehemaliger Direktor der "Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz" e.V.

Werk besprechung beim 6. Konzert der Künste

1991, vor fast 10 Jahren, das heißt, bald nach der "Wende", kam eine junge Frau - Bürokauffrau von Haus aus - aus dem "Westen", aus dem oberbayerischen Kolbermoor, in den "Osten", hier in unsere Stadt.

Ihr Name: Helga Gruber

Ihr Töchterchen Natascha wurde schon als eine Chemnitzerin geboren, und ihre Mutter brachte, obwohl sie als Autodidaktin ohne Anleitung aus sich heraus malte, eine ungewöhnliche Facette in die hiesige Kunstlandschaft ein: Eine Malerei voll vitaler Farbenkraft, die sowohl den Eindruck unbekümmerten Herangehens als auch den eines hohen gestalterischen Raffinements vermittelt.

Vor vier Jahren befanden die Chemnitzer Künstlerkollegen ihre Arbeiten so überzeugend, dass die in den Chemnitzer Künstlerbund, das heißt, in den Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler aufgenommen wurde.

Auf Grund ihrer künstlerischen Ausstrahlung und kollegialen Haltung wurde sie schon zwei Jahre später die zweite Vorsitzende im Künstlerbund und übte dieses Ehrenamt bis zum Angang dieses Jahres aus.

Im Kreise der heutigen Konzertbesucher werden sich gewiß noch einige an die Farbenpracht ihrer Ausstellung in diesem Saale erinnern.

Zudem möchte ich noch erwähnen, dass ich mich freue, einige Arbeiten ihrer Hand in der Neuen Sächsischen Galerie zu haben.

Lassen Sie mich zwei Stellen aus den Eigenbetrachtungen der Künstlerin zitieren, die Ihre Lebens- und Schaffenssituation erhellen:

Wenn die Seele Trauer trägt,

dann will ich fort, doch genau, das kann nicht,

ich bleib hier und steh es durch....

              

Frei wie ein Vogel wird meine

Seele einmal über die Täler fliegen

Und jubeln - was soll´s!

Auf dem Bild hier auf der Staffelei, sieht man zunächst eine dekorative Linien-, Flächen- und Farbkombination. In ihrem Dekor erinnert diese Arbeit an einen Wandteppich oder mehr noch an das Design orientalischer Kleidung, wie man sie sich bei der Märchenlektüre vom Räuber Orbesan vorstellt oder wie die Dichterin Else-Laske-Schüler, die sich "Prinz von Theben" nannte, gekleidet haben mag.

In anmutig beschwingter Gespanntheit durchziehen aufwärtsstrebende Linien das Bild. Die dadurch entstehenden Flächen füllen sich mit je einer Farbe: mosaikartig, oder besser noch, wie bleigefasste farbige Gläser eines Kirchenfensters.

Die harten Grundfarben Gelb, Rot und Blau vermählen sich mit dem sanfteren Sekundärdreiklang von Orange, Grün und Violett, die das agressive Gelb- und Rot des Zentrums farbig brechen und umhüllen.

Kurz, wir scheinen eines der abstrakten, ungegenständlichen Bilder vor uns zu haben, wie sie im Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden und in seiner zweiten Hälfte auch von den meisten Kunstinteressierten mit Verständnis aufgenommen wurden.

Das heißt, ein Bild ohne konkret-thematische Bezüge, sich selbst genügend in der Schönheit seiner Formen und Farben, das soviel Harmonie wie möglich gibt und soviel Dissonanz wie nötig zeigt, um nicht den Eindruck wohliger Trägheit zu erwecken, die zu geistiger Faulheit führen könnte.

Gibt man dem Auge jedoch ein wenig Zeit, sich weiter einzusehen, so fängt man an, konkrete Dinge wahrzunehmen, natürlich nur, wenn man seine eigene Phantasie zu Hilfe nimmt.

Eine auf Grund stehende stabile Form in aktiven Tönen wächst in die Höhe. Und ehe man es sich vesieht, entdeckt man, dass dieses abstrakte Gebilde einen langen Hals hat. und ein Auge links oben macht uns klar,dass es sich hierbei wohl um ein mit schöner Decke behangenes Kamel, ein liebes Trampeltier, handeln muss.

Zwei weitere Augenformen fallen auf, bezeichnen einmal das Gesicht einer Gestalt, die hinauf in den violetten Himmel schaut und ein weiteres Gesicht im Blau der rechten Seite, das nach links gerichtet ist. Hatt man das Gesicht mit dem Ausdruck geduldigen Hinterhertrottens gefunden - der Blick ist offensichtlich nach innen oder, wenn man den unten sichtbar werdenden Fuss hinzunimmt, auf den Weg gerichtet.

Alles scheint nach links zu laufen.

Ein pfiffig-naives Bilderrätsel hat uns Helga Gruber hier aufgegeben:

Zuerst war das Blau rechts im Bild nur ein Hintergrund, durch Gesichts- und Fussandeutung wird daraus ein Wanderer im Kaftan oder Burnus, und durch die kompositionelle Überschneidung wird diese blaue Bildzone plötzlich zum Vordergrund.

Gewöhnt nun an diese Bildsprache, wo eine Ecke einer Farbenfläche zu einem Spitzgesicht mit Richtung wird, entdeckt man noch mehr.

So zum Beispiel, dass sich die Doppellinie der Satteldecke im grünen Boden spiegelt und einen knickebeinigen Eindruck vermittelt, oder dass dem Kleineren, in die Luft Guckenden, ein Hauch komisch wirkender Hochnäsigkeit anhaftet.

Sicher hätte ein Paul Klee seine Freude an den Skurrilitäten unserer Künstlerin gehabt.

Alles in allem, meine Damen und Herren, haben wir hier ein heiter-ernstes Bildgeschehen, betitelt von Helga Gruber mit "Die Karawane zieht weiter".

Und diesem ruhig fliessenden Geschehen des Karawanenzugs verleiht die Künstlerin durch ihre kompositionellen Farbflächenverschränkungen ein Moment der Dauer, und uns gibt sie ein paar kostbare Minuten des ruhigen, schönheitsfreudigen Besinnens.